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Männergrippe

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15. Oktober 2018

Gelandet. Ausgestiegen. Los. Der Weg ist weit, der Flughafen sauber, schön. Herzlich Willkommen in Singapur. Nach gefühlten 35 Minuten sind wir fast an der Passkontrolle. Kurz davor hängen Kameras, Wärmebildkameras. Erhöhte Temperatur im Kopfbereich? Krank? Quarantäne? Mir geht es gut.

Der Weg ist kurz. Der Flughafen alt, gekachelt, fast wie Omas Badezimmer, irgendwie ein bischen heruntergekommen, angegilbt. Herzlich Willkommen in Surabaya. Gehen sie ruhig weiter, die Temperatur ihrer Stirn interessiert uns nicht. Gut. Auf Quarantäne habe ich ohnehin wenig Lust.

Ohne Ankündigung geht es wieder los. Erst erreichen nur kleine Funken meine Haut, dann fackelt ein imaginärer Flammenwerfer da oben alles weg. Alles. Fieber in Südostasien scheint extrem. Es ist eh warm, es ist feucht – in etwa so wie damals, als mein Chemie-Lehrer im Hochsommer mit etwas zu viel Spucke im Mund von Salpetersäure schwafelte. Kopfschmerzen hatte ich damals auch. Ich suche einen Bankomaten, kaufe mir für viel zu viel Geld eine indonesische Sim-Karte und will ins Bett, einfach nur ins Bett.

Bus, Taxi, Fußmarsch – Bett. Nach drei Stunden erwache ich in einem Hostel in Malang, das völlig zurecht vier Euro pro Nacht verlangt. Hier kann ich nicht bleiben. Zumindest nicht, wenn das so weitergeht. Und überhaupt? Was, wenn ich mir eine Tropenkrankheit eingefangen habe? Schließlich bin ich seit zwei Monaten in den Tropen unterwegs. Malaria und Dengue-Fieber schießen mir in den Kopf. Die Gedanken an diese unangenehmen Reisebegleiter helfen nicht weiter. Das Fieber sinkt nicht, die Schmerzen bleiben. „Wo gibt’s hier das nächste Krankenhaus?“, frage ich an der Hostelrezeption. Dreimal. Sein Englisch ist ungefähr so gut, wie mein indonesisch. Dann zeigt er mir bei Google-Maps eine Adresse. 1,2 Kilometer. Ich laufe los.

 

Hellgrüne Wand trifft mintgrünen Boden, dunkelblaue Stühle treffen Tische in orange. Ok, denke ich mir, hoffentlich haben die mehr Ahnung von Medizin als von Innenausstattung. Der Empfangsraum ist voll, überall stehen kleine indonesische Väter mit ihrem noch kleineren Kind auf dem Arm. Nach ein paar Minuten komme ich dran, aber nicht weit. Die Empfangsdame hat in ihrem Leben noch nie ein englisches Wort gehört. Die große Hilfe ist aber nach dreißig Sekunden zur Stelle und spricht mit mir über “feaver” und “headache” – und leider auch über Dengue und Malaria. Nach der klassischen Passkontrolle geht’s für mich weiter: zur Blutabnahme. Wenn die jetzt gleich eine rostige Nadel in der Hand haben, bin ich schneller weg, als die pieksen können, denke ich. Es kommt anders. Die zierliche Frau, mit dem farblich passend mintgrünen Kopftuch, weiß genau, was sie tut. Ich fühle mich sicher, die Nadeln sind verpackt und das Blut läuft. Gleich weiß ich mehr. „In einer Stunde“, sagt sie. Ich warte.

 

Und beobachte. Wenn ich schon hier bin, will ich wenigstens wissen, wie das Leben in einem indonesischen Krankenhaus läuft. Kurzfazit: nicht wirklich anders. Kinder hängen am Tablet oder Smartphone, Eltern schauen genervt auf die Uhr, Ärzte huschen nur kurz vorbei und werden dann zu einem wichtigeren Fall gerufen. Alles wie in Deutschland, nur in mintgrün und mit braun-gelben Hawaiihemden. Farblich kombinieren können sie wirklich nicht. „Mr Tom?“, höre ich und mache mich auf den Weg in das Behandlungszimmer. Ein Kollege im Hawaiihemd und guten Englischkenntnissen fragt ein paar Fragen, holt kurz Luft und sagt die drei Worte, die ich wirklich nicht hören wollte. „Sie haben Dengue.“ „Was? Wirklich? So eine Sch****.“ Habe ich das gerade laut gesagt? Egal. Geschockt verlasse ich das Krankenhaus in Richtung Apotheke. Schnappe mir die Medikamente, die der Hawaiihemddoktor aufgeschrieben hat, und laufe zurück zum Hostel. Morgen soll ich wiederkommen. Dann könnten sie sich ganz sicher sein.

Neuer Tag, neuer Flammenwerfer. Ich kann meine Temperatur mangels Equipment nicht messen, aber ich schätze über 40 Grad. Ich ziehe um. Zeit für ein Einzelzimmer, ein privates Bad und ein großes Bett. All das finde ich ein paar Straßen weiter. Und noch mehr. Es klingt vielleicht albern, kitschig, übertrieben und nicht ganz vernünftig – aber ein kleiner Engel hat mich empfangen. Endah, halb so groß wie ich, noch keine vierzig und Ärztin. Ja, richtige Ärztin. „Dengue-Fieber?“, sie schaut ungläubig zu mir hoch. „Das können die noch gar nicht wissen.“ Für zwei Sekunden geht es mir besser. Hatten sich die Hawaiihemden wirklich getäuscht? Ich gehe wieder ins Krankenhaus, wieder wird mir Blut abgenommen, wieder lautet die Diagnose: Dengue. „Ganz bestimmt.“ Endah besorgt mir Nasi Goreng und verspricht morgen mit mir in ein anderes Labor zu fahren. Das wäre zwar teurer, aber die würden mich wirklich auf Dengue testen.

Die Nacht ist gut, ich fühle mich etwas besser. Das Frühstück kommt mir bekannt vor: Nasi Goreng. Ich esse die Hälfte, bin immer noch schwach. Das bessere Labor sieht wirklich besser aus. Auch farblich: Weiß, kombiniert mit einigen Brauntönen. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich auf die Nadel freue. Vielleicht ist es ja wirklich kein Dengue. Engel Endah bietet mir Mittagessen an, fragt mich, ob sie mich „little brother“ nennen dürfe. Natürlich darf sie. Per Whatsapp schickt sie mir das Testergebnis auf mein Zimmer. Ich studiere die Zahlen – und sehe ein Wort: negativ. Das verstehe ich. Dengue: negativ. Kein Dengue. Hallelujah. „Hab ich doch gesagt“, lacht mir Endah zu.

 

„Herzlich Willkommen in Indonesien.“

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14. Oktober 2018

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