Der Wolkenwald

Story

Hier, ganz oben. Wo die Wolken mit den Bäumen verschmilzen, wo weiß und grün zu einer Farbe werden, wo sich Himmel und Erde zärtlich küssen. Genau Hier hat sich Satya verliebt. Vor 16 Jahren.

„Es war unglaublich, wie in Herr der Ringe. Wirklich.“ Er hatte keine Ahnung von nichts. Er wusste nicht, was es mit diesem Ort auf sich hat. Wie besonders er ist. Er wusste nur eins: „Er war so wunderschön.“

Und das reicht. Mehr braucht es nicht. Pure, natürliche Schönheit. Punkt.

Satya spricht, seine Augen weit aufgerissen – und alles hört zu. Mensch, Tier, selbst die Pflanzen stoppen für einen Moment ihre Photosynthese. „Mit den Touristen verändert sich alles. Sie lassen Müll liegen, reißen Pflanzen raus, nehmen sie mit nach Hause und klettern für das spektakulärste Foto auf die Bäume.“ Die Leute um ihn herum sind Touristen. Aber unter seiner Aufsicht wird so etwas nicht passieren. Niemals.

Als sich Satya verliebt, verlieben sich auch viele andere in diesen Ort. Leute, die mit dieser Schönheit leider Geld machen wollen. Baumhäuser, ja ganze Hotelanlagen und Ressorts sollen entstehen. Das Geld dafür liegt schon bereit.

Doch da, wo die Gruppe Satyas Worten lauscht, steht nur ein schmaler Steg. Braune, rutschige Holzbretter, die zu einem Aussichtspunkt führen, an dem die Wolken die Hände berühren. Ja, auch für Touristen, aber zumindest mehr mit der Natur im Einklang. Das Geld dafür kam aus Finnland.

Aus Finnland? Die malaysische Regierung hat in den letzten Jahrzehnten viel zu tun, nur mit dem Naturschutz hat sie es nicht so. Satya, der durch seinen Job als Naturfotograf viele internationale Kontakte hat, kämpft mit seinen Kollegen für seine große Liebe. Die Finnen interessieren sich. Forscherfreunde aus Kalifornien auch. Sie werden eingeflogen und bleiben freiwillig. Sechseinhalb Jahre. Fazit: Er ist besonders, dieser Wald. „Wir haben über 2.500 verschiedene Pflanzen gefunden, aus über fünf Kontinenten. Das heißt: Früher war alles eins. Und alle Pflanzen und Tiere lebten zusammen auf einem riesigen Stück Land. Als die Kontinente auseinanderbrachen und sich kurz darauf die Berge erhoben, ist das, was da unten war, hier hochgekommen.“

Wahnsinn. Starke, interessante Erkenntnisse. Nur ist das den Entscheidungsträgern egal. Diesen Wald schützen, obwohl er auch Geld bringen kann? Macht das Sinn? „Das große Problem mit diesem Wald oben hier oben ist: Die Evolution ist nahezu gestoppt. Alles, was hier oben existiert, kann nur hier existieren. Bringst du Tiere oder Pflanzen 15 Meter weiter runter, dann können sie sehr schnell sterben. Das ist quasi ein ganz anderer Wald da unten.“ Ohne Schutz ist dieses besondere Stück Erdgeschichte verloren. Ohne Satya und seine Freunde, wäre er das schon längst.

Die große Hoffnung kommt dann doch noch: Ein Regierungswechsel. Die neue Führung hört den Forschern und Naturschützern besser zu. Und versteht sogar, was sie sagen. Der Wolkenwald wird im Juni 2018 zu einem geschützten Nationalpark. Keine Chance mehr für Baumhäuser oder Ferienanlagen. Ein finnische Steg, sonst nur Wald. „Und bald kommen hier nur noch circa 100 Leute am Tag rein. Dann kann sich er sich besser erholen.“ Satya lächelt. Tränen hatte er im Juni in den Augen. Die Organisation für die und mit der er arbeitet, bildet jetzt in den Schulender Gegend in Kinder aus, damit sie in ein paar Jahren den Schutz übernehmen können. Wenn der Klimawandel bis dahin noch nicht die ganze Schönheit zunichte gemacht hat.

Hier, ganz oben. Wo die Wolken mit den Bäumen verschmilzen, wo weiß und grün zu einer Farbe werden, wo sich Himmel und Erde zärtlich küssen.

 

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